(1) Marek

2. März 2013

Marek verstand die Welt nicht mehr. Träumte er? Nein, das musste echt sein. Aus einem so schrecklichen Traum wäre er schon aufgewacht oder alles wäre gut geworden. Sie hatten doch die perfekte Beziehung gehabt, sofern es die denn geben konnte. Jeder hatte sie darum beneidet, wie harmonisch sie zusammen lebten. Kein Streit, nur hin und wieder kleine Diskussionen, selbst die Leute auf der Straße sahen ihnen manchmal ein wenig neidisch hinterher. Seit sieben Jahren waren sie ein Paar und mindestens noch so verliebt wie in den ersten Tagen – zumindest hatte er das so empfunden. Konnte er sich wirklich so sehr geirrt haben?
Dabei kannte er sie doch so gut wie kaum ein anderer. Schon im Kindergarten waren sie immer zusammen gewesen, wurden die besten Freunde. Als Teenager hatten sie beide ‚Beziehungen‘ gehabt, doch nie etwas wirklich festes, nichts Echtes, das kam erst, als sie sich endlich eingestanden, in einander verliebt zu sein. Das war vielleicht ein Chaos gewesen damals… Seitdem waren sie so etwas wie das Vorzeigepärchen.
Das sollte nun vorbei sein? Einfach so? Das hatte der junge Mann nicht kommen sehen.
Noch immer vor der Türe ihrer gemeinsamen Wohnung stehend, zu der er nun keinen Zugang mehr hatte, griff er in seine Brusttasche. In seiner Hand fühlte er das kleine, mit dunkelgrauem Samt überzogene Schmuckkästchen. Öffnen brauchte er es nicht, den wunderschönen Ring, der seiner Großmutter gehört hatte, kannte er in- und auswendig. Marek weinte stumme Tränen, als er ihn vor seinem inneren Auge sah. Den Smaragd, der statt des Granates seiner Großmutter hatte fassen lassen, und nun in der Mitte von zwölf Diamanten saß, entsprach genau ihrer Augenfarbe. Seit Wochen betrachtete er ihn immer wieder, holte ihn mindestens ein Dutzend Mal täglich aus der Schublade in seinem Büro. Dort hatte er ihn versteckt, damit sie ihn auch ja nicht versehentlich finden konnte, sondern die Überraschung wirklich glücken konnte.
Heute hatte er ihr den Ring schenken und die Frage aller Fragen stellen wollen. Dazu war es gar nicht erst gekommen. Den Abend, den er sich in den leuchtendsten Farben ausgemalt hatte, würde es nicht geben. Nie mehr. Es war ihr Jahrestag, der 24. Dezember. Heute vor sieben Jahren waren sie ein Paar geworden. Wer macht denn bitte an Heiligabend Schluss?, schoss es ihm kurz durch den Kopf. Obwohl … eigentlich machte das auch keinen Unterschied mehr. Schrecklich wäre es auch an jedem anderen Tag des Jahres gewesen. Aber heute war es eben besonders übel. Beinahe hatten sie das so genannte ‚verflixte siebte Jahr‘ überstanden. Nur noch etwa drei Stunden und sie wären im achten Jahr ihrer Beziehung gewesen.
Was sollte er denn nun tun? Er hatte schon seine Hand am Klingelknopf, den Schlüssel hatte er ja nicht mehr, als ihm bewusst wurde, dass auf der anderen Seite der Türe schon seit einer Weile gestöhnt und gekeucht wurde. Kraftlos rutschte er die Wand entlang nach unten. Nein, dort konnte er sicher nicht noch einmal rein – und das wollte er auch gar nicht. Diesen Anblick konnte er nicht nochmals ertragen.
Wohin sonst? Seine Eltern würden Fragen stellen, die er im Augenblick nicht beantworten konnte, mit denen er sich noch nicht einmal befassen wollte. Der Schock über ihre Hinterhältigkeit und die eiskalte Ignoranz, mit der sie ihn nach dieser so langen gemeinsamen Zeit strafte, saß zu tief. Jetzt wollte er sich nur vor der Welt verstecken und weinen. In einem Hotel könnte er sich vielleicht verkriechen und die Wunden lecken, die sie seiner Seele zugefügt hatte, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Dort würde man nicht fragen, ihn einfach selig leiden lassen.
Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, stand er ungelenk vom kalten Steinboden des Treppenhauses auf. Vorerst einfach nur weg von diesen Geräuschen nach Sex und dem unbeschwerten Lachen, der Freude, die aus seinem Zuhause schallte. Eine Stufe nach der anderen stolperte er hinunter. Fort von der Wohnung, irgendwo ein Zimmer finden. Vielleicht würde in ein paar Tagen die Welt wieder ganz anders aussehen.
Im Auto hatte er noch eine Tasche mit Kleidung für etwa eine Woche liegen. Sogar ein Anzug hing hinter dem Fahrersitz. Falls er kurzfristig aufgrund eines Notfalls auf Geschäftsreise gehen musste. Das war nun auch ein Notfall. Nur leider keine Geschäftsreise. Wenn er wenigstens arbeiten könnte, aber durch Weihnachten war die Firma zu. Ihre Kunden hatten Urlaub, also hatte er es auch. Dabei würde Abwechslung ihm sicher gut tun. So blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich den Kopf zu zerbrechen, wie es so weit gekommen war.
Ihr musste doch klar sein, dass das, was sie beide hatten, niemals zu übertreffen wäre, wie wenige Menschen in ihrem Leben überhaupt so eine Beziehung zueinander fanden und diese Gefühle der Liebe empfinden durften. Er gehörte zu ihr – wie konnte sie das nur nicht begreifen?

Draußen fielen immer noch dicke Flocken. Das taten sie schon seit dem Morgen. Vielleicht sogar länger. Es hatte schon in der Früh ein wenig Weiß auf den Straßen gelegen, jetzt war alles unter einer dicken, dichten Schicht vergraben. Die Welt, die sich gerade so brutal und unberechenbar zeigte, wirkte unschuldig und friedvoll. Als würde sie sich vor der Kälte verstecken wollen und im letzten Licht des Tages sich nun schlafen legen. Wütend über dieses Schauspiel, das genauso täuschend echt war wie ihre Posse, trat der aufgelöste Mann gegen einen kleinen Schneemann am Bordstein, sodass der Kopf quer über die Straße flog und auf dem weiß gepuderten Asphalt in tausend Stücke zerbarst. Hoffentlich hatten die Kinder, die diesen kleinen Kerl erbaut hatten, das nicht aus einem der umliegenden weihnachtlich geschmückten und warm leuchtenden Fenster heraus gesehen.
Resigniert und nun auch von sich selbst enttäuscht trottete er weiter zu seinem Wagen, einem in dunklem Rot glänzenden SUV. Bei diesem Wetter das beste Auto, das man sich vorstellen konnte, absolut zuverlässig. „So wie du“, hatte sie immer gesagt, er hatte ein Hupen imitiert und gemeinsam über den Scherz gelacht. Zitternd von dem unkontrollierbaren Gefühlschaos, das in seinem Inneren tobte, ließ er sich auf den hellgrauen Ledersitz fallen, startete den Wagen und genoss die Wärme der Sitzheizung. Eine Grippe brauchte er zu allem Übel ja nicht auch noch. Schon gar nicht ohne ihre Tees und Wärmeflaschen, mit denen sie sonst jede sich anbahnende Krankheit im Nu wieder vertrieben hatte. War bisher allerdings nicht oft vorgekommen, dass es nötig wurde, sie waren ja beide noch jung und gesund.
Vor nicht allzu langer Zeit hatte er seinen 30. Geburtstag gefeiert. Die Party dazu hatte sie gemeinsam mit seinem besten Freund organisiert. Es war eine Überraschungsfete gewesen. Hatte es da angefangen? Die Tränen verschleierten seine Sicht, doch die Bilder in seinem Kopf blieben scharf, hatten sich in seine Netzhaut gebrannt und waren nicht los zu werden.
Bevor er die Gedanken immer weiter drehte und wendete, bis der Tank irgendwann leer war, schüttelte Marek seinen Kopf, wischte mit einer wütenden Geste die Tränen weg, setzte sich auf und fuhr in Richtung Innenstadt, wo die meisten Hotels zu finden waren. Schnell raus aus dem Vorort, den er nie wieder mit der wunderschönen Zeit, die sie hier verbracht hatten würde verbinden können, ohne dabei auch an das grausame Ende zu denken. Im Moment musste er sich aber auf die schneebedeckten Straßen konzentrieren, wollte er selbst nicht auch ein brutales und blutiges Ende nehmen. Nein, die Genugtuung würde sie nicht bekommen.
Er wollte leben! Und vielleicht auch eine kleine Rache… Irgendwann.

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Dies ist das erste Kapitel einer Geschichte, an der ich momentan schreibe. Es ist bisher die erste überhaupt für mich. Vielleicht wird es einmal fertig, das zweite Kapitel ist jedenfalls schon in Arbeit, aber noch weiß ich nicht, wohin es mich führen wird.

Kritik ist sehr gerne gesehen, allerdings… ich bin wirklich noch nicht sehr geübt, seid also bitte fair. (Hoffentlich schreibe ich das jetzt nicht nur für mich, sondern es liest wirklich jemand… ^^)

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